Zu Beginn der 1930er Jahre hat das Stalin-Regime etwa vier Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer in den Hungertod getrieben. Bis heute stellt das in allen ukrainischen Familien ein nationales Trauma dar, über das während der Sowjetherrschaft nicht gesprochen werden durfte. Die Erinnerung an diesen Genozid wird auch heute in Russland wieder unterdrückt. Kein Wunder, denn Putin verehrt Stalin und führt den Krieg gegen die Ukraine mit unverminderter Brutalität fort. Neben der wirtschaftlichen Ausbeutung der Ukraine geht es wie damals auch um die Auslöschung einer eigenen nationalen und kulturellen Identität der Ukrainerinnen und Ukrainer.
Umso dankbarer ist es, dass das Lew Kopelew Forum eine Gedenkausstellung zum Holodomor zeigt und das Blau-Gelbe Kreuz bei der Eröffnung um ein kurzes Grußwort gebeten hat.
„Die vielbeschworene Resilienz des ukrainischen Volkes in seinem Verteidigungskampf gegen Russland kann man nur verstehen, wenn man das viele Leid der Ukrainer durch ihren russischen Nachbarn kennt. Der Völkermord durch Hungertod, der als Holodomor in die Geschichte eingegangen ist, spielt im kollektiven Gedächtnis der Ukrainer dabei eine zentrale Rolle. Es ist wichtig, dass wir uns an diesen menschenverachtenden Massenmord erinnern, wenn wir uns heute mit Russland befassen“, so Frank Bender, stellvertretender Vorsitzender des Blau-Gelben Kreuzes.
Wie erschreckend aktuell diese Erinnerung ist, zeigt das Beispiel der ukrainischen Stadt Oleshky in der besetzten Region Cherson. Seit Monaten sind die Menschen dort weitgehend von der Versorgung mit Lebensmitteln, Trinkwasser und Medikamenten abgeschnitten. Sie leben in ständiger Angst, ohne ausreichende Versorgung und unter menschenunwürdigen Bedingungen, dem täglichen Kampf ums Überleben ausgesetzt. Hunger und Verzweiflung bestimmen den Alltag. Wer krank wird, verletzt ist oder dringend Hilfe benötigt, hat kaum eine Chance auf medizinische Versorgung. Erst eine zeitlich begrenzte Waffenruhe vom 27. Oktober bis zum 1. November 2026 ermöglichte es, humanitäre Hilfe in die Stadt zu bringen und Hunderte Menschen zu evakuieren. Viele von ihnen erreichten die Sicherheit völlig erschöpft und in einem besorgniserregenden gesundheitlichen Zustand. Doch für diejenigen, die zurückbleiben mussten, geht das Warten auf Hilfe unter lebensbedrohlichen Bedingungen weiter. Oleshky führt uns auf erschütternde Weise vor Augen: Hunger, Entrechtung und die systematische Bedrohung der ukrainischen Bevölkerung sind keine Kapitel der Vergangenheit. Sie geschehen heute – mitten in Europa.
Die Ausstellung wurde vom Mykola Haievoi Center of Modern History (LMU München und Katholische Universität Lwiw) entwickelt. Sie ist noch bis zum 20. Dezember 2026 im Lew Kopelew Forum zu sehen: Ausstellungseröffnung »Wieso seid ihr noch am Leben?« Der Holodomor 1932/33 – Lew Kopelew Forum
Fotos: Dmytro Bartosh



